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Die Welt-Zoo-Naturschutzstrategie
 

3. Schutz von Arten und Lebensräumen: direkte Beiträge der Zoos (Seite 2)

Kapazität: Platzbegrenzung erfordert eine sorgfältige Artenauswahl

In Abhängigkeit von artenspezifischen Parametern werden 250 - 500 Individuen pro Population erforderlich sein, um eine ausreichende genetische Variabilität über einen Zeitraum von mindestens hundert Jahren zu erhalten. Ausgehend von den etwa 1 Million Tieren, die in den tausend organisierten Zoos der Welt leben und von der Annahme, daß die Hälfte des in diesen Zoos vorhandenen Platzes für ex situ-Zuclztprogramme zur Verfügung gestellt wird, schätzt man, daß die Zoogemeinschaft vitale Populationen von 1000-2000 bedrohter Arten unterhalten kann. Diese Zahl könnte erhöht werden, wenn ein größerer Anteil des Platzes für bedrohte Arten verwendet wird, wenn mehr Zoos sich dem weltweiten Netzwerk anschließen oder wenn sich private Züchter bedrohter Arten an den Zuchtprogrammen beteiligen und deren Regelungen einhalten.

Dennoch ist der vorhandene Platz sehr begrenzt, und eine sorgfältige Auswahl der Arten für ex situ-Programme ist erforderlich. Zuerst sollte die Naturschutz- Gemeinschaft festlegen, welche Arten am meisten von unterstützenden ex situ- Programmen profitieren würden. Die Captive Breeding Specialist Group hat Methoden für diese Einschätzung entwickelt, und andere IUCN-Spezialistengruppen und Naturschutzorganisationen werden aufgefordert, die CBSG-Arbeit stark zu unterstützen. Danach müssen die Zoos bestimmen, welche Arten sie am besten halten und züchten können, und welche Arten geeignet sind, im Zoo das öffentliche Bewußtsein zu steigern.

Naturschutznotwendigkeit und Zoopotentiale müssen bei der Formulierung von regionalen Bestandsplänen (Regional Collection Plans, RCPs) aufeinander abgestimmt werden, um festzulegen, welchen bedrohten Arten durch ex situ-Zuchtprogramme regionaler Zoovereinigungen geholfen werden soll. Eine globale Abstimmung der regionalen Bestandspläne führt zu einer globalen Bestandsplanung für alle größeren Tiergruppen, die in Zoos gehalten werden.

Verständlicherweise erfordert die Auswahl der Arten, die am ehesten von den Zuchtprogrammen in den Zoos profitieren werden, eine sorgsame Abwägung. Dennoch muß ein rasches Handeln in den Fällen möglich sein, wo rasche Hilfe die einzige Chance zur Rettung ernsthaft bedrohter Arten darstellt.

Mag die Gesamtzahl von Arten, zu deren Rettung ex situ-Programme direkt beitragen, auch begrenzt sein, so ist die Bedeutung dieser Beiträge zum Naturschutz nach Auffassung der Welt-Zoo-Naturschutzstrategie viel größer als die bloße Zahl von 1000 oder 2000 annehmen läßt. Manchmal haben die betreffenden Arten eine Schlüsselfunktion in ihrem Lebensraum, und ihre Erhaltung ist für Hunderte oder sogar Tausende anderer Arten im selben Lebensraum von wesentlicher Bedeutung. Häufig dienen Arten in ex situ-Programmen auch als Flaggschiffe und können beträchtliches öffentliches Interesse am Schutz der Gebiete wecken, aus denen sie stammen.

Künstliche Reproduktion und Kryokonservierung: Biotechnologie im Dienst des Naturschutzes

Technologien der künstlichen Reproduktion können eines Tages das Management von ex situ-Populationen erleichtern und bei der Erhaltung der maximalen genetischen Variabilität von Nutzen sein. Vielfältige Pilotstudien haben gezeigt, daß Techniken wie künstliche Besamung und Embryotransfer bei verschiedenen Wirbeltiergruppen angewendet werden können. Doch ist noch viel mehr Forschung erforderlich, um die ganze Weite möglicher Anwendungen dieser Technologien im Artenschutz abschätzen zu können.

Auch die Kryokonservierung von Gameten und Embryonen kann für Artenschutzprogramme von großem Nutzen sein. Genbanken können als genetisches Reservoir dienen und neben in situ- und ex situ-Populationen zum dritten Standbein im Artenschutz werden. Ebenso wie bei der künstlichen Reproduktion sind noch umfangreiche Forschungen nötig, bevor die Vorteile der Kryokonservierung zur Erhaltung einer großen Zahl bedrohter Arten voll genutzt werden können.

Die Welt-Zoo-Naturschutzstrategie ruft alle Beteiligten auf, die Forschung auf den Gebieten der künstlichen Reproduktion und der Kryokonservierung als Technologie zur Unterstützung des Artenschutzes zu intensivieren. Ebenso fordert sie eine Integration des kryokonservierten genetischen Reservoirs in die Strategie des Managements von ex situ- und in situ-Populationen.

Dennoch warnt sie vor einer Überschätzung des Wertes kryokonservierten Genmaterials. Lebende Populationen, sowohl in situ wie ex situ, sind notwendig, um genetisch nicht fixierte Verhaltensmuster zu erhalten, da diese für das Überleben einer Art von lebenswichtiger Bedeutung sein können. Tiefgefrorenes genetisches Material ist ohne lebende Populationen nutzlos. Die Zoos sind aufgerufen, alle vorhandenen Kenntnisse und Fähigkeiten einzusetzen, die lebensnotwendigen, natürlichen Verhaltensmuster in ex situ-Populationen zu erhalten.

Zurück zur Natur: Zootiere zur Wiederansiedlung und Aufstockung von Beständen

Ex situ-Populationen der Zoos können direkt zum Überleben einiger Arten in situ beitragen, indem sie den Kern für die Neubildung oder Verstärkung von Populationen in der Natur bilden.

Die Welt-Zoo-Naturschutzstrategie betont in Übereinstimmung mit dem IUCN- Positionspapier "Translocations of living organisms" von 1987, daß Projekte der Wiederansiedlung und Bestandsaufstockung bei sorgsamer Durchführung natürlichen biologischen Systemen großen Nutzen bringen können. Allerdings muß größter Wert auf die Qualität der freizulassenden Tiere in bezug auf ihre genetischen und Verhaltenseigenschaften gelegt werden, sowie auf die Vermeidung des Einschleppens von Krankheitserregern und Parasiten in die Natur und der Vermischung von Unterarten durch die Wiederansiedlung. Außerdem müssen Faktoren, die wiederangesiedelte Tiere bedrohen können, eliminiert werden. Ebensowenig darf die Tragkapazität der Wiederansiedlungsgebiete überschritten werden.

Wiederansiedlungs- und Bestandsaufstockungsprojekte wurden bisher für über 120 Arten durchgeführt. Fünfzehn dieser Projekte haben bereits zur Bildung sich selbst erhaltender Populationen geführt. Viele Projekte sind aber noch in einem zu frühen Stadium, um ihren Erfolg bewerten zu können. Außerdem werden die Methoden ständig verbessert. Die Welt-Zoo-Naturschutzstrategie betont, daß gut vorbereitete und durchgeführte Wiederansiedlungsprojekte von größter Bedeutung sind, um Kenntnisse und Erfahrungen für zukünftige Projekte zu gewinnen. Wissenschaftlich fundierte Projekte verdienen daher die volle Unterstützung der Zoogemeinschaft, der IUCN-Spezialistengruppen und der Naturschutzbehörden. Derartige Projekte werden in der Regel nicht innerhalb weniger Jahre zum Erfolg führen. Sie erfordern vielmehr ein langfristiges Engagement aller Beteiligten.

Zoologische Gärten führen Wiederansiedlungsprojekte nicht allein durch. Vielmehr ist es die Zoogemeinschaft, die die Tiere in Abstimmung mit Zuchtbuchführern und Koordinatoren der Zuchtprogramme der betreffenden Arten zur Verfügung stellt. Die Tiere werden sorgsam ausgewählt, wobei eine genetisch und demographisch vitale Zoopopulation für mögliche weitere Projekte erhalten bleibt. Alle Projekte werden in Übereinstimmung mit den IUCN-Richtlinien und den Bestimmungen der Naturschutzbehörden der betreffenden Länder sowie in Zusammenarbeit mit den IUCN-Spezialistengruppen und anderen Naturschutzorganisationen durchgeführt. Wiederansiedlungsprojekte dienen dem Lebensraum- und dem Artenschutz sowie der Förderung des Naturschutzbewußtseins der Öffentlichkeit.


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Artikel übernommen aus:
Zeitschrift des Kölner Zoo; Heft 1, 37. Jahrgang, 1994; Autor: IUDZG (Die Welt-Zoo-Organisation)